Unfall – 2024.10.17 – DE-SH – zwei Feuerwehrleute aus Korb geschleudert

Der Drehleiterunfall der Feuerwehr Kiel am 17.10.2024 zeigt, wie das Zusammenspiel aus technischem Versagen und organisatorischen Schwächen zu einem schweren Unfall führen kann. Zwei Feuerwehrangehörige wurden im Rettungskorb schwer verletzt, nachdem ein Seilbruch ein unkontrolliertes Einfahren des Leiterparks auslöste.

Inhaltsverzeichnis

Analyse von Unfallhergang und Ursachen

1. Einleitung

Der sichere Betrieb von Feuerwehrtechnik ist eine zentrale Voraussetzung für den Schutz der Einsatzkräfte. Besonders Hubrettungsfahrzeuge wie Drehleitern gelten als technisch anspruchsvolle Einsatzmittel. Der Drehleiterunfall der Feuerwehr Kiel am 17. Oktober 2024 zeigt jedoch, dass trotz moderner Technik, Wartungsvorschriften und umfangreicher Ausbildung schwere Unfälle auftreten können.

Bei diesem Unfall wurden zwei Feuerwehrangehörige während einer Ausbildung schwer verletzt. Der veröffentlichte Abschlussbericht sowie eine begleitende Präsentation der Feuerwehr Kiel analysieren den Unfallhergang und die Ursachen detailliert. Ziel dieser Zusammenfassung ist es, den Unfallablauf darzustellen, die technischen und organisatorischen Ursachen zu beschreiben und daraus ein Fazit für die Sicherheit im Betrieb von Drehleitern zu ziehen.

2. Ausgangssituation und technischer Zustand der Drehleiter

Der Unfall ereignete sich während eines Ausbildungslehrgangs für neue Drehleitermaschinisten. Der Abschlussbericht beschreibt die Situation wie folgt:

„Am 17. Oktober 2024 kam es gegen 11:30 Uhr zu einem Arbeitsunfall mit einer Drehleiter, bei dem zwei Mitarbeitende der Feuerwehr Kiel schwer verletzt worden sind.“

Die Ausbildung fand in der Feuerwehrtechnischen Zentrale Preetz statt und befand sich bereits in der Endphase. Laut Bericht hatten die Teilnehmer ihre schriftliche Prüfung bereits erfolgreich bestanden:

„Der Unfalltag lag am Ende der zweiten Woche. Die schriftliche Prüfung war bereits absolviert. Alle Teilnehmer hatten sehr gute Leistungen bescheinigt bekommen.“

Das eingesetzte Fahrzeug war eine Magirus Gelenk-Drehleiter mit Einzelauszug des obersten Leiterteils:

„Das Unfallfahrzeug ist eine DLAK 23-12 der Magirus GmbH mit dem Baujahr 2016 (Typ M32L AS).“

Auch die Präsentation bestätigt die technischen Eckdaten:

  • Magirus DLK M32L AS
  • Baujahr 2016
  • letzte Herstellerprüfung im Februar 2024
  • Unfall bei 1585 Betriebsstunden

 

Der allgemeine Zustand des Fahrzeugs wurde von Gutachtern grundsätzlich als gut bewertet:

„Nach Aussage der Sachverständigen und der Magirus GmbH war die Drehleiter in einem vergleichsweise guten Gesamtzustand.“

Allerdings zeigt der Bericht bereits an dieser Stelle erste Hinweise auf mögliche Wartungsprobleme. So wurde die regelmäßige Wartung der Drehleiter teilweise unterschiedlich umgesetzt und nicht ausreichend dokumentiert:

„Die 30-h-Wartung […] wurde allerdings sehr unterschiedlich gehandhabt und nicht ausreichend dokumentiert.“

Diese organisatorischen Aspekte spielten später eine wichtige Rolle bei der Bewertung der Unfallursachen.

3. Unfallhergang

Zum Zeitpunkt des Unfalls befanden sich mehrere Feuerwehrangehörige im Ausbildungsbetrieb. Zwei Personen standen im Rettungskorb der Drehleiter, während ein Lehrgangsteilnehmer die Leiter am Hauptbedienstand steuerte.


Der Abschlussbericht beschreibt die Ausgangslage:

„Zum Zeitpunkt des Unfalls befanden sich ein Drehleiterausbilder und ein Lehrgangsteilnehmer, beide gesichert, im Rettungskorb. Ein weiterer Lehrgangsteilnehmer saß am Hauptbedienstand der Drehleiter.“

Die Drehleiter befand sich in einer ausgefahrenen Position:

„Der Leiterpark war bei ca. 65° Neigung auf circa 25 m ausgefahren und befand sich zum Zeitpunkt des Unfalls in einer Ausfahrbewegung.“

Plötzlich kam es zu einem unkontrollierten Versagen der Mechanik. Der Bericht beschreibt den Moment des Unfalls sehr deutlich:

„Es kam ohne jegliche Vorankündigung durch Geräusche oder Ruckbewegungen zu einem schnellen, unkontrollierten und ungebremsten Einfahren der Drehleiter mit Abknicken des Rettungskorbes.“

Auch die Präsentation fasst den Ablauf zusammen:

„Lauter Knall ohne vorherige Warnsignale“

„Unkontrolliertes und ungebremstes Einfahren“

„Endanschlag auf 10 m mit Abknicken des Korbes“

Der Rettungskorb sank innerhalb kurzer Zeit stark ab. Die Aufprallenergie war erheblich:

„Somit entspricht der Aufprall der Mitarbeitenden im Rettungskorb in etwa einem Sturz aus circa 15 m Höhe.“

4. Verletzungen der Beteiligten

Die beiden Feuerwehrangehörigen im Rettungskorb wurden schwer verletzt. Einer der beiden wurde aus dem Rettungskorb geschleudert:

„Ein Mitarbeiter wurde aus dem Rettungskorb geschleudert, blieb in der Sicherung hängen. Der andere Mitarbeiter verblieb verletzt im Rettungskorb.“

Die Verletzungen des herausgeschleuderten Feuerwehrmannes waren gravierend:

„Multiple Verletzungen beider Füße teilweise mit Beteiligung von Schien- und Wadenbein, eine Kopfverletzung sowie Frakturen im Bereich der Brustwirbel und des Steißbeins.“

Der zweite Feuerwehrangehörige erlitt ebenfalls schwere Verletzungen:

  • massive Verletzungen beider Schultern
  • mehrere Lendenwirbelbrüche

 

Neben den körperlichen Schäden wurden auch psychische Belastungen festgestellt:

„Neben den physischen Verletzungen sind […] auch bei den weiteren Lehrgangsteilnehmern psychische Belastungsstörungen aufgetreten.“

5. Unfalluntersuchung

Die Untersuchung begann unmittelbar nach dem Unfall. Bereits kurze Zeit später wurden externe Sachverständige hinzugezogen:

„Die Feuerwehr Kiel hat […] einen Sachverständigen des TÜV Nord mit Untersuchungen zum Unfallhergang beauftragt.“

Insgesamt wurden mehrere Gutachten erstellt, darunter:

  • Unfallgutachten des TÜV Nord
  • Seilgutachten der DMT Seilprüfstelle
  • Gutachten des TÜV Süd im Auftrag des Herstellers Magirus
  • technische Einschätzung durch einen Seiltechnikexperten

 

Die Präsentation bestätigt dieses mehrstufige Untersuchungsverfahren:

„Externe Untersuchung durch TÜV Nord im Auftrag der Landeshauptstadt Kiel […] Untersuchung und Demontage durch den Hersteller.“

6. Technische Ursachen des Unfalls

Die unmittelbare Ursache des Unfalls war ein Drahtseilbruch. Der Abschlussbericht formuliert dies eindeutig:

„Ursächlich für den Unfall [war] der Ermüdungsbruch eines Auszugsseils, welches in direkter Folge zum Versagen des zweiten, ebenfalls vorgeschädigten Auszugsseils führte.“

Die Untersuchung ergab, dass die Seile bereits stark beschädigt waren:

„Die Ablegereife beider Auszugsseile war vor dem Unfall erreicht.“

Mehrere konstruktive Faktoren begünstigten diese Schäden. So beschreibt der Bericht eine problematische Kombination aus Biegewechseln der Drahtseile beim Lauf über die Umlenkrollen und Materialeigenschaften:

„In diesem Bereich kommen ungünstige Biegewechsel […] mit einer Materialpaarung Rolle/Seil zusammen, die eine fortlaufende Schädigung begünstigt.“

Die Präsentation nennt weitere technische Einflussfaktoren:

  • ungünstige Gegenbiegewechsel
  • kleiner Rollendurchmesser
  • unzureichende Schmierung im belasteten Bereich

7. Organisatorische Ursachen

Neben den technischen Faktoren wurden auch organisatorische Ursachen festgestellt. Die Vorschädigung der Seile hatte sich über einen längeren Zeitraum entwickelt:

„Diese Vorschädigung hat sich über einen längeren Zeitraum entwickelt und hätte […] bei der Prüfung gemäß Herstellervorschrift […] erkannt werden können.“

Auch interne Wartungen hätten den Schaden möglicherweise erkennen können:

„Die Vorschädigung hätte ebenfalls bei Prüfungen im Zuständigkeitsbereich der Feuerwehr Kiel erkannt werden können.“

Die Präsentation nennt zusätzlich mehrere organisatorische Schwachstellen:

  • mangelnde Dokumentation der Wartung
  • unzureichende Schulung im Bereich Seiltechnik/Drahtseile
  • schwierige Umsetzbarkeit der Herstellervorgaben

8. Versagen der Redundanz

Ein besonders kritischer Punkt war das Versagen des redundanten Sicherungssystems. Drehleitern verfügen normalerweise über zwei parallele Seile, um ein Versagen eines einzelnen Seils abzufangen.

Der Bericht erklärt:

„Bei Versagen eines Auszugsseils hätte der Leiterpark also an Ort und Stelle gehalten werden sollen.“

Im Unfallfall versagten jedoch beide Seile nahezu gleichzeitig:

„Bei dem Unfall rissen beide Auszugsseile quasi zeitgleich.“

Die Präsentation erklärt den Hintergrund dieses Problems:

„Symmetrischer Aufbau links/rechts mit gleichen Belastungen und Einflüssen führt zu gleichem Verschleiß.“

Damit kann das Sicherheitsprinzip der Redundanz bei gleichmäßiger Materialermüdung versagen.

9. Fazit

Der Drehleiterunfall der Feuerwehr Kiel zeigt deutlich, dass schwere Unfälle häufig nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen sind. Vielmehr handelt es sich um eine Verkettung mehrerer Faktoren.


Die unmittelbare Ursache war der Ermüdungsbruch eines Auszugsseils. Dieser führte zum nahezu gleichzeitigen Versagen des zweiten Seils und damit zu einem unkontrollierten Einfahren des Leiterparks. Gleichzeitig spielten konstruktive Aspekte, Wartungsprobleme und organisatorische Faktoren eine wichtige Rolle.


Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Unfall aus dem Zusammenspiel von technischen Schwächen, unzureichender Erkennung von Verschleiß und einer systembedingten Schwäche der Redundanz entstand. Wie die Präsentation abschließend formuliert:

„Ermüdungsbruch eines Auszugsseiles führte in Verkettung ungünstiger Umstände zum Unfallereignis.“

Die aus dem Unfall gezogenen Maßnahmen – insbesondere verbesserte Wartung, intensivere Schulungen und regelmäßiger Austausch der Seile – sollen künftig dazu beitragen, das Sicherheitsniveau im Betrieb von Drehleitern weiter zu erhöhen.

Der Unfallbericht und die Präsentation der Feuerwehr Kiel liegen drehleiter.info vor. Diese Zusammenfassung ist aus beiden Dokumenten entstanden. Der gesamte Unfallbericht kann bei der Feuerwehr Kiel auf Anfrage abgefordert werden: berufsfeuerwehr@kiel.de

Kurz & Knapp:
Auszugsseil gerissen, zweites Seil versagt, Leiterpark fährt unkontrolliert ein, Rettungskorb knickt ab, zwei Personen im Korb schwer verletzt

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Der Unfallbericht und die Präsentation der Feuerwehr Kiel liegen drehleiter.info vor. Diese Zusammenfassung ist aus beiden Dokumenten entstanden. Der gesamte Unfallbericht kann bei der Feuerwehr Kiel auf Anfrage abgefordert werden: berufsfeuerwehr@kiel.de

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